Von: Fritz Fey
Beyerdynamic Headzone Pro XT
Für uns begann das ‚Headzone-Abenteuer’ im Juni 2007 mit dem Test der ersten Version eines algorithmischen Systems zur realitätsnahen Abbildung einer Regieraum/Lautsprecher-Abhörsituation über Kopfhörer. Der damalige Klangeindruck konnte so sehr überzeugen, dass ich Headzone jeder unbekannten oder umgebungsbedingt schlechten Abhörsituation über Lautsprecher ohne zu Zögern vorgezogen hätte. Das Ur-System konnte sich jedoch unter den Profis nicht einer Kritik ob der vorhandenen Consumer-Anschlusstechnik mit RCA-Buchsen erwehren, so dass ein Jahr später eine professionelle Variante mit AES/EBUXLR- und analogen Anschlüssen über Sub-D folgte. Im Dezember 2008 stellten wir diese Version vor, die sich allerdings auf der algorithmischen Seite deckungsgleich mit dem ursprünglichen System präsentierte. Inzwischen ist jedoch auf diesem technologischen Sektor eine Menge passiert. Das vom Institut für Rundfunktechnik propagierte BRS-System mit real gemessenen Räumen samt Lautsprechern fand nach meinem Kenntnisstand bislang keinen Industriepartner, wenngleich die Ergebnisse als phänomenal bezeichnet werden konnten. Damit steht BRS, aus meiner Sicht leider, zumindest vorläufig auf dem Abstellgleis. 2009 meldete sich der bis zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannte Hersteller Smyth Research mit seinem Realizer A8 auf dem Parkett (Test im Dezember 2009) und läutete eine völlig neue Ära des virtuellen Hörens von Lautsprechern in einem gegebenen Regieraum ein, die den meisten, die sich einem Hörtest unterzogen, praktisch die Kinnlade herunterklappen ließ. Der Realizer basiert technologisch auf der individuellen, auf einen Hörer bezogenen Einmessung mit In-Ear-Mikrofonen, so dass die gesamte Übertragungskette inklusive Kopfhörer personalisiert wird. Auf diese Weise wird die Illusion eines echten Raums so verblüffend realistisch, dass selbst kritische Hörer den Unterschied zwischen Realität und Emulation nur noch schwerlich ausmachen können. Der ‚Nachteil‘ (ein ziemlich unpassendes Wort ob der exzellenten Qualität) dieses Verfahrens ist, wie man sich leicht denken kann, dass eine reale Abhörsituation existieren muss, damit eine ‚Aufzeichnung‘ und individualisierte Emulation erfolgen kann. Dies ist aber gleichzeitig auch der Vorteil, denn man kann einen real existierenden Raum, den man im Zweifelsfall auch noch wie seine Westentasche kennt, auf den eigenen Hörapparat optimiert, überall hin mitnehmen. Beyerdynamic verfolgt hier eine andere Strategie, nämlich die eines algorithmisch erzeugten, virtuellen Regieraums, der in der Realität nicht existiert, dafür aber Mängel vorhandener Räume nicht einbezieht. Der Grund für die dritte Headzone-Folge in dieser Ausgabe ist die Verbesserung der HRTF, der kopfbezogenen Übertragungsfunktion (Head Related Transfer Function), die den virtuellen Regieraum ‚aus der Dose‘ deutlich realistischer erscheinen lässt. Wie bei allen software-basierten Produkten kann jeder Besitzer der Hardware diese verbesserte Funktionalität als Firmware-Update aus dem Netz ziehen. Sehr interessant ist darüber hinaus die Möglichkeit einer manuellen Feinabstimmung der Kopfhörerwiedergabe mit einem parametrischen Vierband-Equalizer, der dazu geeignet ist, gewisse Unzufriedenheiten im Bereich der tonalen Wiedergabe über Kopfhörer durch frequenzmäßige Anpassungen zu beseitigen. Da Headzone auf der Basis eines idealisierten generischen Kopfmodells arbeitet, wird die Anpassung des Kopfhörerfrequenzgangs zu einem elementar wichtigen Werkzeug auf dem Wege zu einer optimalen Systemkonfiguration, da individuelle anatomische Unterschiede zwischen einzelnen Hörern ausgeglichen und auch der Kopfhörer an deren Wahrnehmungsapparat angepasst werden können.
Kurzüberblick
Es ist nach zwei Beiträgen zu diesem Thema sicher nicht mehr erforderlich, erneut auf alle Details von Hard- und Software einzugehen (Abonnenten des Studio Magazins können im Bereich ‚Leser Account‘ das Artikel-Archiv zum ausführlichen Nachlesen nutzen). Daher folgt hier ein komprimierter Überblick über die Systemeigenschaften. Headzone besteht aus der 19-Zoll-Hardware nebst Headtracker, einer Konfigurations-Software für PC und Mac sowie einem DT 880 oder DT 770 Kopfhörer mit Headtracking-Einrichtung, der allerdings gesondert zugekauft werden muss. Die Hardware wird über FireWire an den Computer angebunden, was nicht nur die Software-Steuerung, sondern auch eine Audioübertragung vom Computer zum Headzone via Asio ermöglicht. Die Audio-Signalführung kann jedoch auch am Computer vorbei über die XLR-AES/EBU- und die analogen Schnittstellen mit Sub-DArmaturen von Stereo bis 5.1 Surround erfolgen. Die Anschlusstechnik wird durch je einen Eingang für ein Kommando- Mikrofon und den Headtracker, sowie zwei Kopfhörer- Klinkenbuchsen auf der Frontseite vervollständigt. Die Frontplatte sieht mit ihrer gefrästen Oberfläche sehr hochwertig aus und beinhaltet nur wenige Bedienelemente. Insgesamt ist das System darauf ausgelegt, durch die Software-Konfiguration dauerhaft für bestimmte Anwendungen betriebsfertig gemacht zu werden. Drei komplette Einstellungen können per Tastendruck auf der Frontplatte als Preset abgerufen werden. Zentrales Bedienelement sind daher der Lautstärkeregler und in zweiter Linie der Pegelsteller für die Kommando-Lautstärke, damit man sich im Sinne eines klassischen Talkback über den Kopfhörer in der Arbeitssituation verständigen kann. Ein wichtiges Element im Hintergrund ist die Überwachung der maximalen Abhörlautstärke mit dem integrierten Ear-Patron-Modul, das zusammen mit einem schaltbaren Limiter zur Einhaltung einer maximalen Abhörlautstärke integriert wurde. Die Software ermöglicht hier eine entsprechende Konfiguration.
Software
Die Installation der Software war eine Sache von wenigen Minuten und verlief völlig unproblematisch. Nach dem Starten sieht man das Raum-Setup-Fenster mit grafischer Darstellung der fünf Lautsprecherpositionen. Die virtuellen Lautsprecher können direkt in der Grafik an die gewünschten ‚Aufstellorte‘ auf dem ITUKreis geschoben werden. Genauer und schneller geht es jedoch durch die Eingabe der entsprechenden Gradzahlen. Der Subwoofer steht sinnvollerweise immer auf null Grad, was in der Praxis eher selten empfehlenswert ist, in einem idealisierten Raum jedoch die einzig richtige Wahl darstellt und zu den herausragenden Vorteilen dieser Produktidee gehört. Mit drei Schiebereglern ist man nun in der Lage, das virtuelle Studio einzurichten: Raumgröße, Hörabstand und Diffusschallanteil. Da es sich um das algorithmische Modell eines Raums handelt und die individuelle Wahrnehmung recht unterschiedlich ausfallen kann, dürfte für jeden eine andere Einstellung als optimal empfunden werden. Die drei Regler stehen in einer gewissen Abhängigkeit zueinander, so dass bei kleineren Raumgrößen natürlich auch nur geringere Abhördistanzen möglich sind. Gleichzeitig wird auch die Abhörlautstärke folgerichtig bei größeren Hördistanzen geringer und muss im Zweifelsfall nachgeregelt werden. Die Distanzwahrnehmung wird durch die Raumgröße wesentlich beeinflusst und auch ein gewisser Anteil an Diffusschall ist vonnöten, um eine perfekte Illusion zu erzeugen. Bei höheren Diffusschallanteilen beginnt der Raum ab einem bestimmten Punkt für meinen Geschmack zu artifiziell zu klingen, wobei die Raumgröße natürlich auch auf Art und Betrag des Diffusschalls Einfluss nimmt. Es fällt relativ leicht, eine Einstellung zu finden, die die optische Wahrnehmung eines vorhandenen Raums nebst Lautsprecherpositionen annähernd widerspiegelt, dennoch ist es aufgrund des gewählten Prinzips nicht möglich, einen Raum völlig authentisch abzubilden. Den grundsätzlichen Charakter bekommt man allerdings recht gut hin. Wie man auf dem EQ-Bild sehen kann, habe ich ein wenig Korrekturentzerrung vorgenommen, um das Klangbild unseres Genelec Abhörsystems nachzuempfinden. Mit dieser Einstellung fühlte ich mich auf dem verwendeten DT 880 sehr wohl. Der Equalizer ist ein vierbandiges, parametrisches Modell mit drei Glockenfiltern und einem parametrischen Neigungsfilter im Bereich der hohen Frequenzen. Er ist ein wichtiges Element, auf manuellem Wege eine Anpassung des Klangbildes zu realisieren, da man sehr häufig Kopfhörer und Lautsprecher je nach Anatomie abgleichen möchte. Da große Jungs ja immer Wünsche haben, hätte ich mich sehr darüber gefreut, wenn der EQ auch im Bypass-Modus, also dem normalen 180-Grad-Kopfhörerstereo aktiv bleiben würde. Dem ist aber nicht so, das heißt, die EQ-Korrektur wird in der Betriebssituation eines normalen Kopfhörerverstärkers deaktiviert. Die Volume- Page zeigt die Eingangspegel zum Headzone-System, dazu auch noch den Pegel des Kommandomikrofons und den Master- Stereopegel. Gleichzeitig dient diese Seite als kleines Mischpult mit Mute- und Solo sowie einer sehr hilfreichen Solo-to-Center- Funktion, die jedoch auch abgeschaltet werden kann. Die Control/ Status-Seite ermöglicht die Anwahl des Audio-Eingangs (Fire- Wire, analog oder AES/EBU), die Aktivierung des Gehörschutz-Begrenzers mit einstellbarer Schwelle und beinhaltet die sehr nützliche Ducking-Funktion mit Arbeitspunkt und Absenkungsbetrag. Auf diese Weise kann das Musikprogramm für eine bessere Verständigung automatisch abgesenkt werden. Die Advanced-Seite zeigt zum einen den aktuellen Software-Stand des Systems, ermöglicht aber auch ein Firmware Update und die Vergabe eines Passwortes zum Schutz des Systems. Beim Warten auf die Fertigstellung des Firmware-Updates kann man nicht nur eine kurze Kaffeepause einlegen, sondern notfalls auch ein Mittagessen einnehmen, vielleicht ohne Vorspeise, aber eine halbe Stunde kann diese Prozedur schon dauern. Nun ja, man macht das ja nicht jeden Tag, also Schwamm drüber. Philosophieren und Hören Wie wir mittlerweile alle wissen, ist unser Hörapparat ein sehr komplexes Gebilde, das neben seinen mechanischen Eigenschaften auch eine Interpretation durch unser Gehirn beinhaltet. Insofern wird jeder die Qualität einer räumlichen Hörsituation etwas anders wahrnehmen. Ich kann also hier nicht allgemeingültig, sondern nur aus eigener Hörerfahrung sprechen. Wenn bestimmende Faktoren wie Laufzeitunterschiede, Pegel, das Verhältnis von Direkt- und Diffusschall und Entzerrung ‚wissenschaftlich korrekt manipuliert werden, ist die Illusion einer räumlichen Wahrnehmung außerhalb des Kopfes mit einem Kopfhörer inzwischen kein Hexenwerk mehr. Es kommt jedoch auf die Algorithmik an, wie gut das Ergebnis sich am Ende darstellt. Der alternative Weg ist die Abbildung real existierender Räume. Wahrscheinlich habe ich es an anderer Stelle auch schon einmal gesagt: Man muss sich darauf einlassen, dieses Hörerlebnis haben zu wollen und man muss ein wenig üben, bis die Wahrnehmung ‚einrastet‘. Jedenfalls war es während meiner Hörsitzung so. Zunächst ist von eminenter Bedeutung, die Raumparameter mit der Software zu erkunden und damit zu spielen, bis der Distanz- und Raumeindruck realistisch herüberkommt. Dabei waren mir die realen Positionen unseres Surround-Abhörsystems sehr von Nutzen, denn eine optische Hilfe erleichtert den Vorgang des Einhörens. Nach einer Weile nähert man sich einer realistischen Lautsprechersituation so weit, dass man die Signale aus den Lautsprechern kommen ‚sieht‘. Ab dann kann es wirklich passieren, dass man vergisst, über einen Kopfhörer zu hören. Dieser Eindruck bleibt dann auch bestehen, wenn man sich von der optischen Vorlage des vorhandenen Regieraums löst. Das Headtracking trägt hierzu außergewöhnlich viel bei, denn die Schallquellen (Lautsprecher) bewegen sich nicht von der Stelle, wenn man seinen Kopf dreht, jedenfalls in einem Bereich von etwa 60 Grad, vom Center aus gesehen. Das reicht normalerweise völlig aus, wenn man der Abhörposition nicht gerade den Rücken zuwenden möchte. Schaltet man das Headtracking ab, wandert der gesamte Lautsprecher/Raum-Höreindruck parallel zur Blickrichtung, was ganz praktisch sein kann, wenn man Geräte außerhalb der Hörposition komfortabel bedienen und trotzdem wie in der Abhörposition hören können möchte. Bei meinem ersten Test vor etwa drei Jahren hatte ich leichte Probleme mit der Vorne-Ortung des Center-Lautsprechers, die je nach Musikprogramm mehr oder weniger zu Tage traten. Auch klebten mir die Surround-Lautsprecher zu dicht an meinem Hinterkopf. Mit der neuen Firmware 2.1 sind diese Probleme eine Sache der Vergangenheit. Die Front-Ortung ist sehr viel besser geworden, präsentiert sich in korrektem räumlichen Abstand und auch die Distanzwahrnehmung der Surround-Lautsprecher (der virtuellen natürlich) ist nunmehr absolut realistisch. In meiner Regie schienen die Surround-Signale nun wirklich aus den Lautsprechern zu kommen. Außerdem ist die Stabilität der Abbildung wesentlich unabhängiger vom Musikprogramm geworden. Die Solo-Schaltung einzelner Lautsprecherkanäle schafft nun wirklich einen verblüffenden Realismus.
Fazit
Mit rund 3.000 Euro plus Mehrwertsteuer liegt Headzone preislich über dem Niveau der Smyth Konkurrenz, kann jedoch mit einem besseren Bedienkonzept über ein gut strukturiertes Software- Interface, professioneller Anschlusstechnik und einem größeren Headtracking-Bereich aufwarten. Der Realismus der virtuellen Abbildung von Lautsprecherpositionen in einem idealisierten Raum ist mit der aktuellen Software einen bedeutenden Schritt weitergekommen. Die algorithmische Lösung liefert zudem eine unmittelbar betriebsfertige Konfiguration, die mit den vorhandenen Bordmitteln schnell an individuelle Bedürfnisse angepasst werden kann. Ob jeder meine Hörerlebnisse teilen kann, bleibt zu bezweifeln, da ein generisches Modell keine individuelle Anpassung auf anatomische Gegebenheiten zulässt. Mein Eindruck ist jedoch noch sehr viel positiver als bei meinem ersten Hörtest im Jahre 2007. Insofern kann eine endgültige Beantwortung der Frage, wie gut die Illusion tatsächlich ist, nur durch einen eigenen Hörversuch erfolgen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Headzone einer unbekannten oder schlechten realen Lautsprecherabhörsituation in jedem Fall vorzuziehen ist, einer klassischen Im-Kopf-Wiedergabe ohnehin, denn es ist über einen längeren Zeitraum wesentlich angenehmer, Musikprogramme außerhalb des Kopfes zu beurteilen, auch, wenn es nur eine Illusion ist. Zu diesem guten Eindruck tragen natürlich auch die ausgezeichneten Eigenschaften des DT 880 Kopfhörers bei, der trotz eines sehr günstigen Preises in der Oberliga der empfehlenswerten Studiokopfhörer mitspielen darf. Es gibt so viele mögliche Anwendungen einer solchen Lösung, die beim Ü-Wagen anfängt, sich bei surround-verpflichteten Gamedesignern und Audio-Editoren in der Post Production fortsetzt und bei Live-Mitschnitten mit mobiler Ausrüstung endet. Sie werden staunen, wie überzeugend und nutzbringend eine virtuelle Realität in diesem Fall sein kann. Testen, wie sehr ihre Höranatomie dem von Beyerdynamic gebauten generischen Modell entspricht, müssen Sie allerdings tatsächlich selbst. Ich habe jedenfalls sehr positive Hörerfahrungen machen können.