14.09.2017

Die beyerdynamic Geschäftsführer Wolfgang Luckhardt und Edgar van Velzen im Gespräch über Tradition und Innovation, den Forschungs- und Entwicklungsstandort Deutschland sowie die neue Kopfhörer-Generation mit Mimi Klang-Personalisierung.

Seit Juni diesen Jahres steht Edgar van Velzen als Neuzugang gemeinsam mit Wolfgang Luckhardt als Geschäftsführer an der Spitze von beyerdynamic. Beide wollen den traditionsreichen Heilbronner Audiospezialisten in die Zukunft führen und beweisen als Doppelspitze Teamgeist – und klar verteilte Rollen. Dass dieses Gespann funktioniert, zeigt der Blick auf die Messeneuheiten der IFA 2017.

 

Ein neuer Geschäftsführer steht für neue Impulse im Unternehmen. Sind da Historie und Tradition bei beyerdynamic eher Fluch oder Segen?

Edgar van Velzen: Absolut ein Segen. Ich sehe es als spannende Aufgabe, Historie und Tradition in Einklang mit der Neuzeit zu bringen. Das erarbeitete Wissen und standardisierte Abläufe mit den Anforderungen von heute und morgen zusammen zu bringen ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme. Fakt ist: Wir stehen vor großen Aufgaben. Die digitale Transformation und die neue Rolle des Konsumenten als Mitgestalter von Produkten und Unternehmen sind inzwischen nicht mehr wegzudenken. Speed und Focus sind jetzt die Voraussetzungen für Erfolg. Wissen ist heute viel leichter zugänglich und das justiert den Wettbewerb neu: Marken schießen wie Pilze aus dem Boden, neue Märkte entstehen und neue Chancen ergeben sich. Jeder, der mag, könnte Kopfhörer bauen. Allerdings verleihen uns unser Wissen, unsere Technologien, Qualität und unsere Geschichte die Glaubwürdigkeit und Echtheit, die vielen anderen Marken fehlt. Und zudem ist es ist wie in der Küche – ein Rezept schmeckt nicht bei jedem Koch gleich gut. Es ist ein Segen, eine Geschichte zu haben, die dafür sorgt, dass ein Unternehmen und die dazugehörigen Produkte eine Seele haben. Das spürt auch der Kunde und weiß dies zu schätzen. Allerdings ist es von großer Bedeutung immer am Ball zu bleiben und stets den Status Quo zu hinterfragen. Nur so kann man sich kontinuierlich verbessern und Produkte, Prozesse und das gesamte Unternehmen weiterentwickeln.

Wolfgang Luckhardt: Um es vorwegzunehmen, ich sehe Historie und Tradition ebenfalls als großen Segen. Ich finde es herausragend, dass ein Unternehmen so lange existiert. Mehr als 90 Jahre – und das in Familienhand – das hat Respekt verdient. Aber natürlich darf eine lange Familientradition nie ein Argument dafür sein, dass man stets zurückblickt. Wichtig ist der Blick nach vorn. Mit dem Einstieg von Edgar steuern wir konsequent in die richtige Richtung. Seine Erfahrung in der digitalen Welt und die Leidenschaft für Produktinnovationen, gepaart mit unseren technologischen Innovationen, aber auch der permanenten Modernisierung unseres Produktionsstandorts in Deutschland, versprechen eine gute Ausgangslage, was den Ausbau der Erfolgsgeschichte von beyerdynamic angeht.

 

Herr van Velzen, bevor Sie zu beyerdynamic kamen, waren Sie CEO beim Lautsprecherhersteller Teufel. Ist denn der Klang über Kopfhörer genauso sexy wie der über ein gutes Surround System im heimischen Wohnzimmer?

van Velzen: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Wenn Sie speziell die Verwendung im heimischen Wohnzimmer ansprechen, und die Wohnsituation es erlaubt, so würde ich persönlich eine klassische Lautsprecherbox bevorzugen. Allerdings sind zwei Trends erkennbar: Die Menschen reisen mehr und wollen auch unterwegs nicht auf besten Klang verzichten. Darüber hinaus wird das ungestörte Verweilen immer wichtiger. Da hat für mich eindeutig der Kopfhörer die Nase vorn, da ich mich damit komplett von meiner Außenwelt zurückziehen kann. Und im Vergleich zu vielen Lautsprechersystemen bieten beyerdynamic Kopfhörer ein vergleichbar exzellentes Hörerlebnis und bringen den Konzertsaal direkt ins Ohr.

 

Die Anzahl der Kopfhörer für private wie professionelle Anwender steigt nach wie vor gewaltig; der gesamte Audiomarkt wächst. Sehen Sie für beyerdynamic ausreichend Differenzierungspotential, um von diesem Trend zu profitieren?

Luckhardt: Definitiv. In den letzten Jahren konnten wir jedes Geschäftsjahr mit Wachstum abschließen und haben insbesondere im Segment Kopfhörer ein deutliches Plus verzeichnet. Das lag nicht zuletzt an unseren Innovationen wie beispielsweise die der Tesla-Technologie, die permanent weiterentwickelt wird – und mittlerweile selbst in In-Ear-Systemen zu finden ist. Unser Streben nach unverfälschter Klangwiedergabe und die Leidenschaft für´s Entwickeln lassen Produkte entstehen, die uns ganz klar vom Wettbewerb abheben. Auch die Produktion hier in Heilbronn ist ein enormer Vorteil, da wir mit einer eigenen Fertigung besonders schnell auf Marktimpulse reagieren können.

van Velzen: Trotz vieler anderer Marken sehe ich enormes Potential im Vertrieb weltweit. Wir sind heute eher eine Marke für Kenner. Global gesehen können wir unsere Bekanntheit noch deutlich ausbauen. Die Kunden, die uns kennen, wissen, wie nahbar wir sind und darin sehe ich unsere große Stärke. Wir können leicht den Kundenwunsch in ein Produkt übersetzen und regionale Bedürfnisse berücksichtigen. Unser Standort, das Qualitätsniveau und dass wir unser Handwerk bestens verstehen sind zudem Differenzierungsmerkmale, die unser Wachstum stützen.

 

Sehen Sie im Kopfhörermarkt noch vielversprechendes Innovationspotential?

van Velzen: Das Ende der Innovationsfähigkeit des Kopfhörermarktes und dessen was wir als Unternehmen leisten können, sind noch lange nicht erreicht. Der Technologiemarkt entwickelt sich so rasend, da ist auch bei den Kopfhörern noch ein beachtliches Spielfeld vorhanden. Wir sehen mehr und mehr „Intelligenz“ im Kopfhörer – und freuen uns auf Smart Headphones. Ich liebe es, an Produktideen zu tüfteln, und bin gerne ganz nah dabei, wenn ein Produkt entsteht. Ich finde es enorm spannend eine eigene Entwicklung und Produktion im Haus zu haben, die zusammen Produktideen umsetzen können. Das leisten sich nicht viele Unternehmen, im Gegenteil, viele kaufen nur ein. Auch wir schätzen natürlich Kooperationen mit Partnern weltweit, jedoch haben wir immer unser eigenes Expertenteam im Boot. Und selbst wenn mal ein beyerdynamic Produkt nicht in Heilbronn gebaut wird – bei der Qualität und Innovation machen wir keine Kompromisse.

 

Sehen wir von diesen vielversprechenden Produktideen, von denen Sie sprechen, bereits etwas auf der IFA?

van Velzen: Ja, in der Tat. Hinter dem Leitsatz „Make it yours“ verbergen sich einige tolle Produkte und Innovationen.

 

Jetzt machen Sie es aber spannend… was verbirgt sich hinter diesem Leitmotiv genau?

van Velzen: Die Kernidee ist die Personalisierung von Produkten. Ein Produkt, das nur für mich optimiert ist. Diese Philosophie leben wir schon einige Zeit in den verschiedensten Bereichen – beispielsweise in unserer Manufaktur und bei den Gaming-Produkten: Auf der IFA 2017 gehen wir noch einige Schritte weiter und präsentieren den Bluetooth-Kopfhörer Aventho wireless, den DAC und Verstärker Impacto den Tesla In-Ear Xelento wireless und die Neuauflage des beliebten Gaming Headset MMX 300. Alle Produkte haben gemeinsam, dass sie das individuelle Hörvergnügen unterstützen. Der MMX 300 kommt in der Manufakturversion mit neuen Designmöglichkeiten, so dass sich jeder Gamer sein Headset optisch perfekt an seinen Stil oder seinen Clan anpassen kann. Der Impacto ist als Kopfhörerverstärker für die Hosentasche vermutlich die kleinste High-End-Anlage der Welt. Der In-Ear Xelento wireless eröffnet weitere neue Dimensionen für mobile Höranwendungen. Zudem ist der Hörer auch optisch ein echtes Juwel. Aber ganz besonders ist sicher die neue Technologie, die sich im Aventho wireless versteckt. In dem Kopfhörer verbergen sich Features die individuelle Anpassungen von Klang und Nutzung ermöglichen und so individuell auf den User abgestimmt werden können.

 

Was für Features im Aventho wireless sind das, von denen Sie sprechen?

van Velzen: Das sind im Fall des Aventho wireless drei Dinge – die im Kopfhörer integrierte Mimi Klang-Personalisierungs-Technologie, eine innovative Touch-Steuerung sowie die Tracking-Funktion. Mimi ist eine Revolution: Wer schon immer davon geträumt hat, einen Kopfhörerklang zu erleben, der sich wie ein Maßanzug direkt an das eigene Gehör anschmiegt, bekommt nun seinen Traum erfüllt. Eine einzigartige Erfahrung und das quellenunabhängig, weil im Kopfhörer integriert. Für den individuellen Soundcheck steht die MIY App bereit, die einen wissenschaftlich fundierten Hörtest bereitstellt und so die Basis für die Klang-Personalisierung bietet. Die Touch-Steuerung am Aventho wireless ermöglicht es, Titelwiedergabe oder Lautstärke anhand von Fingerbewegungen an der Hörerschale zu steuern. Die Tracking-Funktion gibt einen Einblick in die täglichen Hörgewohnheiten und zeigt an wie viel Prozent des Tagespensums bereits erreicht ist. So stellen wir einen gesunden Musikgenuss sicher.

 

Fangen wir bei Mimi an: Wie funktioniert die Technologie – und wie muss man sich das Ergebnis vorstellen?

Luckhardt: Die Mimi Klang-Personalisierung wurde von Mimi Hearing Technologies in Berlin entwickelt. Wir sind stolz, dass Mimi mit uns eine Partnerschaft auf höchstem Niveau eingegangen ist und somit erstmals mit einem Kopfhörerhersteller direkt zusammenarbeitet.  Mimi hat mit ihrer entwickelten Technologie eine wissenschaftlich fundierte Basis geliefert, die dem Anwender entsprechend seines persönlichen Hörvermögens und seiner bevorzugten Wiedergabe von Sprache und Musik ein phänomenales Hörerlebnis bereitet. Mimi hat also einen Weg gefunden, Klang zu personalisieren. Dieses individuelle Hörprofil und damit der Musikgenuss kann nun fest in unserem Kopfhörer Aventho gespeichert und somit verankert werden. Absolut genial ist, dass man dadurch an jeder Soundquelle sofort sein Sound-Profil parat hat. Die neue beyerdynamic MIY App, die gleichzeitig mit dem neuen Spitzenkopfhörer Aventho auf den Markt kommt, ermöglicht einen einfachen Soundcheck, dessen Ergebnis für die Klanganpassung sorgt. 

 

Wie kam diese Kooperation zustande?

Luckhardt: Edgar hat die Mimi-Idee zu uns gebracht und ich war sofort von der Innovationskraft, der Professionalität und der Dynamik des Unternehmens beeindruckt. Wir haben die Zusammenarbeit sehr schnell auf die Beine gestellt, ein beyerdynamic- und ein Mimi-Team gingen an den Start. Der Firmensitz von Mimi in Berlin passt sehr gut zu uns, denn Eugen Beyer hatte unsere Firma seinerzeit in Berlin gegründet und wir freuen uns, auf diese charmante Art und Weise seinem Erfindergeist gerecht werden zu können. Hörwissenschaftler, wie auch die Berliner Charité haben an der Entwicklung mitgewirkt, wodurch die medizinisch zertifizierte App entstehen konnte. Somit hatte Mimi zwischenzeitlich schon mit über 1 Million Menschen Kontakt, was unserer Kooperation sehr zu Nutze kam.

 

Wieso findet sich diese Technologie zunächst nur im Aventho wireless?

Luckhardt: Der Aventho wireless ist der verheißungsvolle Auftakt für die Anwendung der Technologie von Mimi. Mit dem Aventho haben wir eine technologische Plattform entwickelt, die es uns möglich macht diese Technologie auch in andere Kopfhörer zu integrieren. Wir werden die Kooperation mit Mimi Hearing Technologies weiter ausbauen und eine Reihe weiterer Kopfhörer mit dieser Technologie ausstatten. Wir sehen echtes Potential, dass das Unternehmen es schafft, Mimis Klang-Personalisierung zu einem Standard werden zu lassen.

 

Wie stehen Sie zum Entwicklungs- und Produktionsstandort Deutschland?

Luckhardt: Die Konzentration unserer Kräfte und die Ausübung der wesentlichen Prozesse in Heilbronn ermöglichen uns ein permanentes Lernen. Unsere Top-Produkte Xelento, MMX 300 und Aventho werden bei uns mit hoher Präzision und Leidenschaft gefertigt. Den weitaus größten Teil unserer Umsätze erwirtschaften wir mit Made in Germany Produkten. Selbstverständlich gehört eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Liefer- und Entwicklungspartnern in aller Welt dazu. Jedes Rad sollte man nicht selbst erfinden. Wir werden alles tun, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben oder gar Vorteile zu erzielen. Die Möglichkeiten, die uns „Industrie 4.0“ bietet, sind sehr groß. Wir haben schon technologisch anspruchsvolle Projekte in unserer Wertschöpfungskette umgesetzt, zum Beispiel mit dem Einsatz von „collaborative robots“ in der Zusammenarbeit mit unseren Produktionsmitarbeitern. In diesem Bereich haben wir in den letzten Jahren hausintern eine nahezu einzigartige Expertise für unsere Kernprozesse aufgebaut.

 

Werden Sie in Zukunft den Zukaufanteil zum Beispiel aus Asien am Produktportfolio erhöhen? Steht der Produktionsstandort Deutschland in Frage?

Luckhardt: Der Produktionsstandort in Heilbronn steht nicht zur Diskussion und den werden wir definitiv beibehalten. Es wird sich aber – wie in den letzten 15 Jahren auch – stets die Frage stellen, auf welche Wertschöpfungsprozesse wir uns in Zukunft hier in Heilbronn konzentrieren wollen und wie wir durch einen guten Wertschöpfungsmix unser angestrebtes Wachstum bewerkstelligen können. Die Märkte werden es zudem erforderlich machen, „local content“ in den wichtigsten Absatzmärkten aufzubauen.

Bezüglich der Zulieferung aus anderen Ländern kann ich nur sagen, dass wir auch heute schon eine enge Zusammenarbeit mit Lieferpartnern aus Europa und Asien praktizieren und diese werden wir gezielt ausbauen. Bei allen Produktentwicklungen werden wir auch auf unsere Entwicklungsabteilung in Heilbronn setzen. Wie bereits erwähnt, werden wir künftig noch stärker auf sogenanntes Co-Development setzen, wie ja auch das Beispiel Mimi eindrucksvoll zeigt. Beide Partner können sich einbringen, voneinander lernen und gemeinsam schneller, besser und schließlich erfolgreich sein.

 

Wie beurteilen Sie die Relevanz von „Made in Germany“ für beyerdynamic?

van Velzen: Made in Germany ist nach wie vor sehr wichtig. Aber zum Beispiel auch das Siegel Made in China hat an Bedeutung gewonnen. Die Qualität von Produkten Made in China steigt stetig. Gleichsam steigt auch die Qualität in anderen Ländern und bei Zuliefern. Man hat auch hier bereits mit vielen Produkten ein sehr hohes Niveau erreicht. Ich sehe daher die Relevanz bei der Frage nach Made in Germany weiterhin als gegeben, denke jedoch, dass auch Made in China oder anderen Herkunftssiegeln eine zunehmend hohe Relevanz zukommt und beide Attribute gut nebeneinander existieren können. Alle können voneinander lernen.

 

Zeichen (mit Leerzeichen): 14.480, Zeilen: 197

Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.

   

Über beyerdynamic

Mehr als 90 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Audio-Elektronik 

Die beyerdynamic GmbH & Co. KG, Heilbronn, steht für innovative Audio-Produkte mit höchster Klangqualität und wegweisender Technik.

Zwei Unternehmensbereiche – Headphones und Audio Systems – liefern maßgeschneiderte Lösungen für professionelle und private Anwender. Sämtliche Produkte werden dabei in Deutschland entwickelt und überwiegend in Handarbeit gefertigt – vom HiFi‑Kopfhörer über Bühnenmikrofone bis zur Konferenz- und Dolmetscheranlage.

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